DIN EN 61439: Bauartnachweis, Stücknachweis und Typenschild
DIN EN 61439 verständlich erklärt: welche Teile die Normenreihe hat, wer ursprünglicher Hersteller und wer Schaltanlagenbauer ist, was Bauart- und Stücknachweis verlangen, was der Bemessungsbelastungsfaktor bedeutet und was auf dem Typenschild stehen muss.
Was in der DIN EN 61439 steht
Die Normenreihe DIN EN 61439 (VDE 0660-600), international IEC 61439, regelt Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen – kurz SK: Verteiler und Schaltschränke bis 1.000 V AC bzw. 1.500 V DC, in denen Schalt- und Schutzgeräte mit allen inneren Verbindungen zu einer Einheit zusammengebaut sind. Sie legt fest, welche Bemessungsdaten eine SK hat, wie ihre Bauart nachgewiesen wird und welche Prüfung jedes einzelne Exemplar vor der Auslieferung durchläuft. Sie gilt seit 2010 und hat die frühere Reihe EN 60439 abgelöst.
Die Teile der Normenreihe
| Teil | Inhalt |
|---|---|
| 61439-1 | Allgemeine Festlegungen (Grundnorm, gilt nur zusammen mit einem Produktteil) |
| 61439-2 | Energie-Schaltgerätekombinationen (PSC) – Hauptverteiler, Schaltschränke in Industrie und Anlagenbau |
| 61439-3 | Installationsverteiler für die Bedienung durch Laien (DBO), z. B. Wohnungs- und Etagenverteiler |
| 61439-4 | Baustromverteiler (ACS) |
| 61439-5 | Kabelverteilerschränke in öffentlichen Energieverteilungsnetzen |
| 61439-6 | Schienenverteilersysteme |
| 61439-7 | Verteiler für Marinas, Campingplätze, Marktplätze und Ladestationen für Elektrofahrzeuge |
Aktuell sind in Deutschland unter anderem DIN EN IEC 61439-1 und -2 in der Ausgabe 2021-10 sowie DIN EN IEC 61439-3 in der Ausgabe 2025-06. Welche Ausgabe für ein Projekt gilt, legen Planer und Auftraggeber fest; vor einer Ausschreibung lohnt der Blick auf den aktuellen Stand beim Normenverlag.
Wer ist Hersteller? Zwei Rollen
- Ursprünglicher Hersteller (meist der Systemhersteller): entwickelt das Schrank- und Verteilersystem und erbringt dafür den Bauartnachweis.
- Hersteller der Schaltgerätekombination (der Schaltanlagenbauer): baut die konkrete Anlage, hält sich an die Vorgaben des Systemherstellers, führt den Stücknachweis, kennzeichnet und dokumentiert die SK.
Wer vom System des ursprünglichen Herstellers abweicht – andere Geräte, andere Schienen, andere Anordnung –, wird für diese Änderung selbst zum ursprünglichen Hersteller und muss sie nachweisen. Prüfungen einzelner Geräte nach ihren eigenen Produktnormen ersetzen den Bauartnachweis der Kombination nicht. Wie ein Schrank insgesamt aufgebaut wird, zeigt der Ratgeber Schaltschrank aufbauen.
Der Bauartnachweis
Der Bauartnachweis belegt, dass eine Bauart die Anforderungen der Norm erfüllt. Erlaubt sind drei Wege, die auch kombiniert werden dürfen: Prüfung an einem Muster, Vergleich mit einer geprüften Referenzkonstruktion und Bewertung (Begutachtung, z. B. Berechnung oder Anwendung von Konstruktionsregeln). Welcher Weg für welches Merkmal zulässig ist, regelt die Norm je Merkmal. Die nachzuweisenden Merkmale stehen in Abschnitt 10:
| Abschnitt | Merkmal |
|---|---|
| 10.2 | Festigkeit von Werkstoffen und Teilen (u. a. Korrosion, UV bei Außenaufstellung, mechanische Einwirkung) |
| 10.3 | Schutzart der Umhüllung |
| 10.4 | Luft- und Kriechstrecken |
| 10.5 | Schutz gegen elektrischen Schlag und Durchgängigkeit des Schutzleiterkreises |
| 10.6 | Einbau von Schaltgeräten und Betriebsmitteln |
| 10.7 | Innere elektrische Stromkreise und Verbindungen |
| 10.8 | Anschlüsse für von außen eingeführte Leiter |
| 10.9 | Isolationseigenschaften |
| 10.10 | Erwärmungsgrenzen |
| 10.11 | Kurzschlussfestigkeit |
| 10.12 | Elektromagnetische Verträglichkeit |
| 10.13 | Mechanische Funktion |
Für die Praxis heißt das: Wer ein System eines Herstellers nach dessen Vorgaben aufbaut, übernimmt dessen Bauartnachweis. Kritisch sind vor allem die Erwärmung (Verlustleistung der Geräte gegen die Wärmeabfuhr des Gehäuses, siehe Ratgeber Heizung und Lüftung) und die Kurzschlussfestigkeit der Sammelschienen (Ratgeber Sammelschienensysteme).
Der Stücknachweis
Den Stücknachweis (Abschnitt 11) erbringt der Hersteller der SK für jede ausgelieferte Anlage, bevor sie in Verkehr kommt. Geprüft und protokolliert werden unter anderem:
- Schutzart, Luft- und Kriechstrecken (Sichtprüfung, bei knappen Abständen Messung)
- Schutz gegen elektrischen Schlag und Schutzleiterverbindungen
- Einbau der Betriebsmittel, Verdrahtung, Anzugsmomente und Anschlüsse
- mechanische Funktion von Bedienteilen, Verriegelungen und Türen
- Isolationseigenschaften (Spannungsprüfung bzw. Isolationsmessung)
- Vollständigkeit von Kennzeichnung und Dokumentation, Funktionsprüfung bei komplexen Anlagen
Wie Geräte und Leiter eindeutig gekennzeichnet werden, steht im Ratgeber Schaltschrank beschriften und im Ratgeber Aderfarben.
Bemessungsdaten und Bemessungsbelastungsfaktor (RDF)
| Kürzel | Bedeutung |
|---|---|
| Un / Ue | Bemessungsspannung / Bemessungsbetriebsspannung, z. B. 230/400 V |
| Ui | Bemessungsisolationsspannung |
| Uimp | Bemessungsstoßspannungsfestigkeit |
| InA | Bemessungsstrom der Schaltgerätekombination |
| Inc | Bemessungsstrom eines Stromkreises |
| RDF | Bemessungsbelastungsfaktor |
| Icw / Ipk / Icc | Bemessungskurzzeit-, Bemessungsstoß- und bedingter Bemessungskurzschlussstrom |
Der RDF gibt an, mit wie viel Prozent ihres Bemessungsstroms die Abgänge dauernd und gleichzeitig belastet werden dürfen, weil sich benachbarte Geräte gegenseitig erwärmen. Inc × RDF muss mindestens so groß sein wie die erwartete Last des Abgangs. Fehlen Angaben des Anwenders, setzt die Norm Belastungsfaktoren an:
| Anzahl der Abgänge | Teil 2 (PSC) | Teil 3 (DBO) |
|---|---|---|
| 2 und 3 | 0,9 | 0,8 |
| 4 und 5 | 0,8 | 0,7 |
| 6 bis 9 | 0,7 | 0,6 |
| 10 und mehr | 0,6 | 0,5 |
Für Motorabgänge bis 100 kW nennt Teil 2 einen Faktor von 0,8. Wie Abgänge selbst abgesichert werden, erklärt der Ratgeber Leitungsschutzschalter, die Leiterbemessung der Ratgeber Kabelquerschnitt.
Typenschild und Dokumentation
Jede SK trägt ein dauerhaftes Typenschild. Darauf stehen mindestens der Name oder das Zeichen des Herstellers der SK, eine Typbezeichnung oder Kennnummer, das Herstellungsdatum und die Normangabe „IEC 61439-X“ bzw. „EN 61439-X“ mit dem zutreffenden Teil. Die übrigen Bemessungsdaten stehen in der technischen Dokumentation, die mit der Anlage übergeben wird; dazu gehören die Nachweise und das Stückprüfprotokoll. Die Schutzart der Umhüllung erklärt der Ratgeber IP-Schutzarten.
In der EU sind die Teile der Reihe als harmonisierte Normen unter der Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU gelistet. Wer eine SK nach Teil 1 und dem passenden Produktteil baut, kann sich in der EU-Konformitätserklärung darauf berufen; Teil 1 allein reicht dafür nicht.
Schaltschranksysteme Sammelschienen Verteilerfelder
Häufige Fragen
Was ist die DIN EN 61439?
Die deutsche Fassung der IEC 61439, der Normenreihe für Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen. Sie regelt Bemessung, Bauartnachweis, Stücknachweis und Kennzeichnung von Verteilern und Schaltschränken.
Was ist der Bauartnachweis nach EN 61439?
Der Nachweis, dass eine Bauart die Normanforderungen erfüllt – durch Prüfung, Vergleich mit einer Referenzkonstruktion oder Bewertung. Ihn erbringt der ursprüngliche Hersteller, in der Regel der Systemhersteller.
Welche Kriterien muss der Bauartnachweis enthalten?
Die zwölf Merkmale aus Abschnitt 10, von der Festigkeit der Werkstoffe über Luft- und Kriechstrecken, Schutzleiterkreis, Erwärmung und Kurzschlussfestigkeit bis zur mechanischen Funktion.
Was steht auf dem Typenschild nach IEC 61439?
Hersteller der SK, Typbezeichnung oder Kennnummer, Herstellungsdatum und der zutreffende Normteil (IEC 61439-X bzw. EN 61439-X). Weitere Bemessungsdaten stehen in der Dokumentation.
Ist die EN 61439 harmonisiert?
Ja, die Teile der Reihe sind unter der Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU gelistet. Die Konformitätsvermutung gilt nur für Teil 1 zusammen mit dem jeweiligen Produktteil.
Quellen: DIN EN IEC 61439-1/-2 (VDE 0660-600-1/-2):2021-10, DIN EN IEC 61439-3 (VDE 0660-600-3):2025-06 (Normtitel laut DIN Media); ZVEI-Informationsblatt zur DIN EN 61439 (2022); Herstellerunterlagen Hager, ABB, Rittal, Siemens (Stückprüfprotokoll) und Electrosuisse (Formulare Bauart- und Stücknachweis); Belastungsfaktoren nach IEC 61439-2/-3 Tabelle 101 laut Wöhner – per Websuche 01.11.2026 geprüft. Die Normen selbst sind beim VDE Verlag bzw. DIN Media erhältlich; diese Seite ersetzt sie nicht.