Zugentlastung für Kabel und Leitungen: Lösungen und Auswahl
Die kurze Antwort: Zug gehört nie auf die Klemmstelle – jede Leitung hat eine begrenzte zulässige Zugbeanspruchung, und Anschlüsse vertragen noch weniger. Drei Lösungsklassen nehmen die Kraft auf: die Kabelverschraubung mit geprüfter Zugentlastung (EN 62444), die Zugentlastungsleiste oder -schelle im Schaltschrank und der Zugentlastungsbügel direkt am Steckverbinder.
Warum Zugentlastung? Die Zahlen einer normalen Steuerleitung
Wie wenig Zug eine Leitung verträgt, steht im Datenblatt: Für die weit verbreitete ÖLFLEX CLASSIC 110 nennt LAPP eine maximale Zugbeanspruchung von 15 N/mm² Leiterquerschnitt bei Installation und Betrieb – und schließt zwangsweise Führung ganz aus. Beispielrechnung: Eine 3G1,5 darf damit rund 67 N tragen, also knapp 7 Kilogramm – weniger, als ein hängendes Kabelpaket schnell wiegt. Die Klemmstelle oder der Crimp dahinter ist noch empfindlicher: Zug auf dem Anschluss lockert Kontakte, erhöht Übergangswiderstände und reißt im schlimmsten Fall Adern aus.
Die drei Lösungsklassen
| Lösung | Wo | Stärke | Zu beachten |
|---|---|---|---|
| Kabelverschraubung mit Zugentlastung | Gehäuse-/Schrankeinführung | dichtet und entlastet in einem Bauteil – Schutzart und Zugentlastung an derselben Stelle (zur IP-Schutzarten-Tabelle) | Zugentlastung ist eine geprüfte Eigenschaft nach EN 62444 – steht im Datenblatt, nicht jede Verschraubung leistet sie; Klemmbereich muss zum Leitungsdurchmesser passen |
| Zugentlastungsleiste / Kabelschelle | im Schrank, auf 35-mm-Hutschiene, 30-mm-C-Schiene oder geschraubt | viele Leitungen geordnet auf einer Leiste (Kabelbinder-Prinzip mit Hinterschneidung); als EMV-Variante zugleich Schirmauflage | bei Vibration Ausführungen mit Metallbuchsen wählen (Kaltfluss des Kunststoffs); Kabelbinder allein an scharfer Blechkante ist keine Zugentlastung |
| Zugentlastungsbügel am Steckverbinder | direkt am Stecker (z. B. Leiterplatten-/Rundsteckverbinder) | entlastet die Löt-/Crimpstellen des Steckverbinders unmittelbar | zum Steckverbindersystem passend wählen (Herstellerzubehör) |
Weitere Bauformen – welche Zugentlastung wofür?
Die drei Klassen oben decken den Schaltschrank ab. Je nach Einbausituation kommen weitere, ebenso gängige Bauformen hinzu – die Kraft muss am Ende aber immer auf den Kabelmantel, nie auf den Anschluss:
| Bauform | Einsatz | Zu beachten |
|---|---|---|
| Kabeleinführungssystem / Kabeldurchführung | Mehrfacheinführung vieler (auch konfektionierter) Leitungen in Schrank oder Gehäuse | teilbare Membran- oder Tüllenrahmen; die Dichttülle umschließt und fixiert die Leitung und hält zugleich die Schutzart |
| Schutzschlauch / Wellrohr | bewegte oder mechanisch belastete Leitungsführung außerhalb des Schranks | entlastet erst in Verbindung mit einer Schelle oder Verschraubung am Rohrende; Mindestbiegeradius beachten |
| Energie-/Schleppkette | dauerbewegte Achsen an Maschinen | die eigentliche Zugentlastung sitzt als Kamm oder Schelle am Anfang und Ende der Kette (passende Leitung: Steuerleitungs-Ratgeber) |
| Zugentlastungsstrumpf (Gewebestrumpf) | schonende Aufhängung langer, schwerer Leitungen | das Drahtgeflecht überträgt die Kraft großflächig auf den Außenmantel; kein Ersatz für die Fixierung am Anschluss |
Kurz die Begriffe: Die Zugkraft ist die Last, die am Kabel zieht – auch das Eigengewicht eines hängenden Kabelpakets. Die zulässige Zugbeanspruchung ist der Wert, bis zu dem die Leitung laut Datenblatt belastet werden darf (die genannten 15 N/mm²). Die Zugentlastung ist das Bauteil, das diese Kraft aufnimmt, bevor sie die Klemm- oder Crimpstelle erreicht.
Schritt für Schritt zur richtigen Zugentlastung
- Kräfte ehrlich ansetzen: Hängt die Leitung frei, bewegt sich die Maschine, zieht jemand am Kabel? Statisch reicht oft die Verschraubung, dynamisch gehört die Kraft auf Leiste oder Schelle vor den Anschluss.
- Einführungspunkt zuerst: An der Gehäusewand die Kabelverschraubung mit geprüfter Zugentlastung und passendem Klemmbereich wählen – sie erledigt Dichtung (IP) und Entlastung zusammen.
- Im Schrank nachfassen: Leitungsbündel auf Zugentlastungsleisten oder Schellen führen – das entlastet die Klemmenebene und macht die Verdrahtung wartbar; geschirmte Leitungen dabei gleich großflächig auflegen (siehe LiYY/LiYCY-Ratgeber).
- Steckverbinder nicht vergessen: Konfektionierte Übergänge mit Zugentlastungsbügel sichern – die Löt- und Crimpstellen sind der schwächste Punkt der Kette.
- Biegeradius mitdenken: Zugentlastung darf die Leitung nicht knicken – Mindestbiegeradius laut Datenblatt auch hinter der Schelle einhalten.
Beispiele aus unserem Sortiment
- Siemens Kabelverschraubung PG16/M16, Messing, IP68 – dichte Einführung fürs Gehäuse
- HARTING Han CGM-M M20 – Verschraubung für Industriesteckverbinder-Gehäuse
- HARTING UNI HF M20 EMV – Verschraubung mit Schirmanbindung für geschirmte Leitungen
- HARTING SEK-18 Zugentlastungsbügel – Entlastung direkt am Steckverbinder
- OBO Bügelschelle 2056 – der Klassiker für Leitung an Wand und Schiene
Kabelverschraubungen ansehen IP-Schutzarten nachschlagen
Häufige Fragen
Ist Zugentlastung vorgeschrieben?
Für Kabelverschraubungen regelt die EN 62444 die Prüfanforderungen – auch für die Zugentlastung. Was die konkrete Anlage braucht, ergibt sich aus den Errichtungsnormen und den Herstellervorgaben der Leitung: Deren zulässige Zugbeanspruchung (z. B. 15 N/mm² bei einer typischen Steuerleitung) darf im Betrieb nicht überschritten werden.
Reicht die Kabelverschraubung als Zugentlastung?
Nur wenn sie dafür nach EN 62444 geprüft ist – das steht im Datenblatt. Verschraubungen ohne geprüfte Zugentlastung dichten zwar, halten aber keine definierten Zugkräfte; dann braucht es eine zusätzliche Schelle oder Leiste.
Wie viel Zug hält ein Kabel aus?
Das steht im Leitungsdatenblatt. Eine verbreitete Steuerleitung wie die ÖLFLEX CLASSIC 110 ist mit maximal 15 N/mm² Leiterquerschnitt spezifiziert – bei einer 3G1,5 rund 67 N (knapp 7 kg). Anschlüsse und Crimpstellen vertragen deutlich weniger, deshalb gehört die Kraft in die Zugentlastung, nicht auf die Klemme.
Was ist eine Zugentlastungsleiste?
Eine kammartige Leiste (geschraubt oder auf 35-mm-Hutschiene/30-mm-C-Schiene), auf der Leitungen einzeln mit Kabelbindern fixiert werden; eine Hinterschneidung verhindert das Abrutschen unter Zug. Das ordnet zugleich die Verdrahtung und erleichtert Beschriftung und Wartung; EMV-Varianten übernehmen zusätzlich die Schirmauflage.
Ist ein Kabelbinder eine Zugentlastung?
Allein an der Blechkante: nein – er hält keine definierte Kraft und kann die Leitung beschädigen. In Kombination mit einer dafür gebauten Leiste (mit Hinterschneidung) ist er dagegen Teil einer Zugentlastung nach EN 62444.
Was ist bei geschirmten Leitungen zu beachten?
Zugentlastung und Schirmauflage lassen sich kombinieren: EMV-Kabelverschraubungen und EMV-Zugentlastungsleisten kontaktieren das Schirmgeflecht großflächig und entlasten die Leitung an derselben Stelle – kurze, großflächige Schirmanbindung ist für die Störfestigkeit entscheidend.
Würgenippel oder Kabelverschraubung?
Ein Würgenippel dichtet die Einführung ab, hält aber keine definierte Zugkraft. Wenn die Einführung zugleich entlasten soll, braucht es eine Kabelverschraubung mit geprüfter Zugentlastung nach EN 62444 – sonst ist zusätzlich eine Schelle oder Leiste nötig.
Wie entlaste ich Leitungen in der Schleppkette?
In Energie-/Schleppketten wird die Leitung mit Kämmen oder Schellen am Anfang und Ende der Kette fixiert, damit im bewegten Trum keine Zugkraft auf die Adern wirkt. Dazwischen läuft die Leitung lose; entscheidend sind eine kettentaugliche Leitung und der eingehaltene Mindestbiegeradius.
Grundlage: LAPP-Datenblatt ÖLFLEX CLASSIC 110 (DB1119752DE: maximale Zugbeanspruchung 15 N/mm², zwangsweise Führung unzulässig); Fachbeitrag SCHALTSCHRANKBAU-Magazin (EN 62444 löst EN 50262 ab, verschärfte Anforderungen u. a. an Zugentlastung); Technikdokumentation zu Zugentlastungsleisten nach EN 62444 (Leisten-/Kabelbinder-Prinzip, Montagearten, EMV-Kombination); Produktdaten der gelisteten Artikel. Stand August 2026. Maßgeblich sind die Datenblätter von Leitung und Zugentlastungskomponente.