Motorschutzschalter einstellen
Die kurze Antwort: Den Motorschutzschalter auf den Bemessungsstrom stellen, der auf dem Typenschild des Motors steht – nicht höher, keine „Reserve“. Die einzige verbreitete Ausnahme ist der Stern-Dreieck-Anlauf mit dem Schutzgerät im Motorstrang: dort gilt der 0,58-fache Wert. Warum das so ist und worauf Sie bei Auslöseklasse und Gerätewahl achten müssen, erklärt dieser Ratgeber.
Die Grundregel: Einstellstrom = Bemessungsstrom vom Typenschild
Der einstellbare Drehknopf am Motorschutzschalter bedient den thermischen Überlastauslöser. Er wird auf den Bemessungsstrom IN eingestellt, den das Typenschild des Motors nennt. Dabei lohnt ein genauer Blick auf das Schild: Bei der häufigen Doppelangabe wie 400 V Δ / 690 V Y oder 230 V Δ / 400 V Y stehen zwei Ströme – maßgeblich ist der Strom, der zur tatsächlich verwendeten Spannung und Schaltungsart gehört.
Sonderfall Stern-Dreieck-Anlauf: 0,58 × IN
Bei einer Stern-Dreieck-Schaltung hängt der richtige Einstellwert vom Einbauort des Schutzgeräts ab:
| Einbauort | Dort fließt | Einstellwert |
|---|---|---|
| In der Zuleitung (vor der Verzweigung auf die Schütze) | Leiterstrom | IN laut Typenschild |
| Im Motorstrang (zwischen Schütz und Motor) | Strangstrom = IN/√3 | 0,58 × IN |
Der Faktor ist reine Schaltungsarithmetik: Im Dreieck-Strang fließt nur der 1/√3-fache Leiterstrom. Wird das übersehen, ist der Motor im Strang um den Faktor 1,73 unter- oder überschützt.
Die Auslöseklasse: wie lange darf der Anlauf dauern?
Beim Anlauf zieht ein Drehstrom-Asynchronmotor ein Mehrfaches seines Nennstroms. Der thermische Auslöser muss das aushalten, ohne auszulösen – aber nur so lange wie nötig. Genau das regelt die Auslöseklasse (CLASS) nach IEC/EN 60947-4-1. Prüfpunkt der Norm ist die Auslösezeit beim 7,2-fachen Einstellstrom aus dem kalten Zustand:
| Auslöseklasse | Auslösezeit bei 7,2 × Ie | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| CLASS 10 A | 2–10 s | flinker Standardschutz, kleine Antriebe |
| CLASS 10 | 4–10 s | Normalanlauf – der übliche Standard |
| CLASS 20 | 6–20 s | Schweranlauf (z. B. große Lüfter) |
| CLASS 30 | 9–30 s | sehr lange Hochlaufzeiten (Zentrifugen, große Schwungmassen) |
Die Wahl ist ein Kompromiss: Eine zu flinke Klasse löst beim normalen Anlauf aus („Fehlauslösung“), eine zu träge lässt den Motor im Fehlerfall zu lange am überhöhten Strom. Für normale Direktstarter ist CLASS 10 die Standardwahl; löst der Schalter beim Anlauf wiederholt aus, obwohl der Einstellwert stimmt, ist die höhere Klasse die richtige Antwort – nicht ein höherer Einstellstrom.
Der Kurzschlussauslöser: fest eingestellt, kein Drehknopf
Neben dem thermischen trägt der Motorschutzschalter einen magnetischen Kurzschlussauslöser. Er schaltet unverzögert und ist werksseitig fest auf ein Vielfaches des Bemessungsstroms gelegt – deutlich oberhalb des Anlaufstroms, damit der Anlauf ihn nicht auslöst (beim Eaton PKZM0 z. B. fest auf das 14-Fache). Einstellbar ist am Gerät also nur die thermische Seite – wer am Drehknopf dreht, verändert den Kurzschlussschutz nicht.
Motorschutzschalter, Motorschutzrelais oder Leistungsschalter?
Drei Begriffe, die im Alltag durcheinandergehen – entscheidend ist, was das Gerät im Fehlerfall abschaltet und wogegen es schützt:
| Gerät | Schützt gegen | Schaltet ab | Typischer Platz |
|---|---|---|---|
| Motorschutzschalter | Überlast (thermisch, einstellbar) + Kurzschluss (magnetisch, fest) + Phasenausfall | die eigenen Hauptkontakte – trennt den Motorabzweig selbst | vor dem Schütz im Motorabzweig |
| Motorschutzrelais / Überlastrelais |
nur Überlast (thermisch); kein Kurzschlussschutz – Sicherung oder Leistungsschalter davor bleibt Pflicht | nichts selbst – der Hilfskontakt wirft das Schütz ab | am Schütz (Direktanbau) oder einzeln aufgestellt |
| Leistungsschalter (allgemein) |
Leitung und Anlage (Überlast/Kurzschluss), ohne motorspezifische Kennlinie | die eigenen Hauptkontakte | Einspeisung, Verteiler, Anlagenschutz |
Verwirrend, aber nützlich zu wissen: In Katalogen und Klassifikationssystemen (ETIM) laufen Motorschutzschalter unter der Bezeichnung „Leistungsschalter für Motorschutz“ – gemeint ist dasselbe Gerät. Ergänzend gibt es elektronische Überlastrelais (weite Einstellbereiche, wählbare Auslöseklasse) und Thermistor-Motorschutzrelais, die die Wicklungstemperatur direkt über PTC-Fühler im Motor überwachen – sinnvoll dort, wo der Strom die Erwärmung nicht zuverlässig abbildet, etwa bei hoher Schalthäufigkeit oder behinderter Kühlung.
Schritt für Schritt zum richtigen Einstellwert
- Typenschild lesen: Bemessungsstrom zur tatsächlich verwendeten Spannung/Schaltungsart notieren (bei Δ/Y-Doppelangabe den passenden der beiden Werte).
- Schaltung prüfen: Direktstart → voller IN. Stern-Dreieck mit Schutzgerät im Strang → 0,58 × IN.
- Drehknopf einstellen: exakt auf den ermittelten Wert – keine Reserve nach oben.
- Auslöseklasse prüfen: Normalanlauf CLASS 10; dauert der Hochlauf länger, CLASS 20/30 wählen (steht im Datenblatt des Schutzgeräts, nicht am Drehknopf).
- Nach dem ersten Anlauf beobachten: Löst der Schalter aus, die Ursache suchen (Anlaufzeit, Last, Phasenausfall, Einstellwert) – nicht einfach höher drehen.
Beispiele aus unserem Sortiment
- ABB MS116-6.3 – Einstellbereich 4,0–6,3 A, CLASS 10 A; passt z. B. für einen 1,5-kW-Normmotor (400 V, IN ≈ 3,5 A)
- ABB MS116-10 – Einstellbereich 6,3–10 A, die nächste Baugrößenstufe
- Siemens SIRIUS 3RV2011-1JA10 – 7–10 A, Schraubanschluss, Baugröße S00
- Siemens SIRIUS 3RV2021-4DA10 – bis 25 A, Baugröße S0
- ABB TA200DU-110 Überlastrelais – 80–110 A: bei großen Strömen übernimmt das Überlastrelais am Schütz den thermischen Schutz
Motorschutzschalter im Shop ansehen Thermische Überlastrelais
Häufige Fragen
Auf welchen Wert stelle ich den Motorschutzschalter ein?
Auf den Bemessungsstrom laut Motor-Typenschild – den Wert, der zur verwendeten Spannung und Schaltungsart gehört. Einzige verbreitete Ausnahme: Stern-Dreieck-Anlauf mit dem Gerät im Motorstrang, dort 0,58 × IN.
Darf ich höher einstellen, wenn der Schalter ständig auslöst?
Nein. Der Schalter meldet ein echtes Problem: zu lange Anlaufzeit (dann Auslöseklasse 20/30 statt höherem Strom), mechanische Überlast, Phasenausfall oder schlicht ein falsch abgelesener Einstellwert. Höherdrehen schaltet nicht die Störung ab, sondern den Schutz.
Was bedeutet CLASS 10 auf dem Motorschutzschalter?
Die Auslöseklasse nach IEC/EN 60947-4-1: Beim 7,2-fachen Einstellstrom löst ein CLASS-10-Gerät in 4–10 Sekunden aus. CLASS 10 ist der Standard für Normalanlauf; CLASS 20/30 sind für Schweranlauf gedacht, CLASS 10 A ist die flinkere Variante (2–10 s).
Kann ich auch den Kurzschlussauslöser einstellen?
Nein. Der magnetische Auslöser ist werksseitig fest auf ein Vielfaches des Bemessungsstroms eingestellt (z. B. 14-fach beim Eaton PKZM0). Der Drehknopf am Gerät bedient ausschließlich den thermischen Überlastauslöser.
Was ist der Unterschied zwischen Motorschutzschalter und Motorschutzrelais?
Der Motorschutzschalter trennt seine Hauptkontakte selbst und schützt gegen Überlast und Kurzschluss. Das Motorschutzrelais (Überlastrelais) löst nur einen Hilfskontakt aus, der das Schütz abwirft – es braucht immer ein Schütz und zusätzlich eine Kurzschluss-Schutzeinrichtung davor.
Warum heißt die Kategorie „Leistungsschalter für Motorschutz“?
Das ist die Katalog-Bezeichnung der ETIM-Klassifikation für Motorschutzschalter – technisch ist es dasselbe Gerät: ein auf Motorabzweige spezialisierter Leistungsschalter mit einstellbarem thermischem Auslöser und Auslöseklasse.
Grundlage: IEC/EN 60947-4-1 (VDE 0660-102): Grenzstromverhalten des thermischen Auslösers (1,05-/1,2-facher Einstellstrom, 2-h-Kriterium) und Auslöseklassen 10 A/10/20/30 (Prüfpunkt 7,2 × Ie); Herstellerdokumentation Eaton (PKZM0, Schaltungsbuch), Siemens (SIRIUS 3RV2), ABB (MS116/TA200DU) und Schneider Electric (TeSys). Stand August 2026. Maßgeblich sind Typenschild des Motors und Datenblatt des eingesetzten Schutzgeräts.