Halogenfreie Kabel und Leitungen: Was dahintersteckt und wann Sie sie brauchen
Halogenfrei heißt: Isolierung und Mantel enthalten kein Chlor, Brom, Fluor oder Iod. Im Brandfall entstehen dadurch kaum korrosive Säuren und deutlich weniger Rauch – entscheidend überall dort, wo Menschen flüchten müssen oder empfindliche Technik steht. Ob ein Kabel wirklich halogenfrei und raucharm ist, sagt aber nicht das Werbekürzel auf dem Mantel, sondern die Prüfnorm im Datenblatt.
Warum halogenfrei? Das Brandfall-Problem der Halogene
Halogene – Chlor, Brom, Fluor und Iod – machen Kabelwerkstoffe flammwidrig: Chlor steckt im PVC, Fluor in Hochtemperaturwerkstoffen wie FEP oder PTFE, Brom in Flammschutzmitteln. Im Brandfall wird genau das zum Problem: Es entstehen Halogenwasserstoffe, die mit Feuchtigkeit – auch der in Atemwegen und Augen – ätzende Säuren bilden. Die Säuren korrodieren zudem Maschinen, Elektronik und sogar die Stahlbewehrung von Betondecken. Nach einem PVC-Kabelbrand ist die Dekontamination oft teurer als der eigentliche Brandschaden.
Halogenfreie Mischungen erreichen ihre Flammwidrigkeit stattdessen über mineralische Flammschutzmittel wie Aluminiumhydroxid: Beim Erhitzen setzen sie Wasser frei und kühlen die Flamme. Ehrlich gesagt werden muss auch: Giftige Brandgase wie Kohlenmonoxid entstehen bei jedem Kabelbrand – halogenfrei reduziert Säuren und Rauch, macht einen Brand aber nicht harmlos.
Flammwidrig, halogenfrei, raucharm – drei verschiedene Aussagen
Die drei Begriffe werden ständig vermischt, beschreiben aber getrennte Eigenschaften mit jeweils eigener Prüfnorm. Ein PVC-Kabel kann flammwidrig und trotzdem halogenhaltig sein; ein halogenfreies Kabel ist nicht automatisch raucharm.
| Eigenschaft | Prüfnorm | Was geprüft wird & wann bestanden ist |
|---|---|---|
| Flammwidrig (Einzelkabel) | DIN EN 60332-1-2 | Senkrecht montiertes Einzelkabel wird definiert beflammt und muss nach Wegnahme der Flamme von selbst verlöschen. |
| Flammwidrig (Bündel) | DIN EN 60332-3 (Kat. A–D) | Bündelbrandtest: viele Kabel senkrecht, 20 Minuten Beflammung, die Brandausbreitung muss begrenzt bleiben – deutlich praxisnäher als der Einzeltest. |
| Halogenfrei | DIN EN 60754-1 | Halogensäuregehalt der Brandgase je Werkstoff: unter 5 mg/g. |
| Korrosionsarm | DIN EN 60754-2 | Azidität der Brandgase: der gewichtete pH-Wert darf 4,3 nicht unterschreiten, die Leitfähigkeit 10 µS/mm nicht überschreiten. |
| Raucharm | DIN EN 61034-2 | „3-Meter-Würfel“: Kabel brennt in einer 3×3×3-m-Kammer, ein Lichtstrahl muss mindestens 60 % Durchlässigkeit behalten. Zum Vergleich: Brennendes PVC drückt die Sicht auf rund 10 %. |
CPR und Euroklassen: Pflicht bei fester Verlegung im Gebäude
Für Kabel, die dauerhaft in Bauwerken installiert werden, gilt seit dem 1. Juli 2017 die Bauproduktenverordnung mit der Norm EN 50575. Sie stuft Kabel nach ihrem Brandverhalten in Euroklassen ein: von Aca (nicht brennbar) über B1ca, B2ca, Cca, Dca und Eca bis Fca. Dazu kommen Zusatzklassen für Rauchentwicklung (s1–s3), brennendes Abtropfen (d0–d2) und Azidität (a1–a3). Der Hersteller weist die Klasse über die Leistungserklärung (DoP) und die CE-Kennzeichnung nach.
Halogenfreiheit und Euroklasse sind zwei getrennte Angaben – sie treffen sich in den Zusatzklassen: Ein gutes halogenfreies Installationskabel erreicht typischerweise a1 (kaum korrosive Brandgase) und s1 (schwache Rauchentwicklung). Welche Euroklasse am Einbauort gefordert ist, ergibt sich aus dem Baurecht des Projekts, nicht aus dem Kabeltyp.
Wo halogenfreie Leitungen gefordert oder dringend sinnvoll sind
Überall dort, wo im Brandfall viele Menschen betroffen sind oder hohe Sachwerte stehen: öffentliche Gebäude wie Büros, Schulen, Einkaufszentren, Krankenhäuser und Flughäfen, außerdem Bahn und Tunnel sowie Rechenzentren und Maschinenparks, in denen korrosive Brandgase die eigentliche Katastrophe wären. Die Muster-Leitungsanlagen-Richtlinie (MLAR) verfolgt in Rettungswegen die Schutzziele geringer Brandlast und begrenzter Rauchausbreitung – in der Praxis wählen Planer dafür regelmäßig halogenfreie, raucharme Leitungen. Für sicherheitsrelevante Anlagen fordert die MLAR zusätzlich Funktionserhalt (E30–E90 nach DIN 4102-12); das ist eine eigene Anforderung an das Kabelsystem, kein Bestandteil von „halogenfrei“.
Typbezeichnungen: daran erkennen Sie halogenfreie Leitungen
| Typ | Was es ist |
|---|---|
| H07Z-K | Harmonisierte flexible Einzelader mit halogenfreier, vernetzter Isolierung („Z“), bis 90 °C – die halogenfreie Alternative zur H07V-K für die Schaltschrank-Verdrahtung. |
| NHXMH | Halogenfreie Installations-Mantelleitung – übernimmt die Rolle der NYM-J in Gebäuden mit erhöhten Brandschutzanforderungen. |
| N2XH | Halogenfreies Installationskabel 0,6/1 kV mit VPE-Isolierung und verbessertem Verhalten im Brandfall – für Energieverteilung in Gebäuden. |
| LiHH | Datenleitung, bei der Aderisolierung und Mantel halogenfrei sind (im Gegensatz zur LiYY mit PVC). |
Faustregel für die Kennung: „H“ oder „Z“ statt „Y“ – das „Y“ in NYM, LiYY oder H07V-K steht für PVC, das „H“/„Z“ in NHXMH, LiHH oder H07Z-K für halogenfreie Mischungen.
Beispiele aus unserem Sortiment
Schaltschrank-Verdrahtung: H07Z-K Einzeladern
- H07Z-K 90 °C 1×1,5 mm² schwarz, 150 m – Standardquerschnitt für Steuerstromkreise
- H07Z-K 90 °C 1×4 mm² grün-gelb, 100 m – Schutzleiter
- H07Z-K 90 °C 1×10 mm² braun, 100 m – Einspeisung/Hauptstromkreise
Gebäudeinstallation: NHXMH-J Mantelleitung
Daten- und Signalverkabelung: UNITRONIC LiHH
- UNITRONIC LiHH 6×0,14 mm², 500 m – halogenfreie Signalleitung für die Gebäude- und Anlagentechnik
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Häufige Fragen
Woran erkenne ich, ob ein Kabel wirklich halogenfrei ist?
Am Datenblatt: Es muss die Prüfung nach DIN EN 60754-1 (Halogensäuregehalt unter 5 mg/g) nennen, meist ergänzt um 60754-2 (Korrosivität) und 61034-2 (Rauchdichte). Kürzel wie LSZH oder FRNC allein sind keine belastbare Aussage.
Ist halogenfrei dasselbe wie flammwidrig?
Nein. Flammwidrigkeit (DIN EN 60332) beschreibt, ob ein Kabel von selbst verlöscht – das erreicht auch halogenhaltiges PVC. Halogenfrei beschreibt die Werkstoffe: Im Brandfall entstehen kaum korrosive Säuren. Gute halogenfreie Leitungen erfüllen beides.
Was bedeutet LSZH?
Low Smoke Zero Halogen – raucharm und halogenfrei. Es ist aber eine Handelsbezeichnung ohne genormten Inhalt; verbindlich sind nur die im Datenblatt genannten Prüfnormen.
Wo sind halogenfreie Kabel Pflicht?
Eine pauschale gesetzliche Pflicht „halogenfrei“ gibt es nicht – die Anforderung ergibt sich aus dem Baurecht des Projekts (z. B. CPR-Euroklasse, MLAR-Schutzziele in Rettungswegen) und den Vorgaben des Planers. Üblich ist halogenfrei in öffentlichen Gebäuden, Bahn/Tunnel und Rechenzentren.
Ersetzt NHXMH die NYM-J?
Funktional ja: Die NHXMH ist die halogenfreie Installations-Mantelleitung für Bereiche mit erhöhten Brandschutzanforderungen. Maßgeblich für die Zulässigkeit am Einbauort sind die Projektvorgaben.
Sind halogenfreie Kabel im Brandfall ungefährlich?
Nein. Auch sie erzeugen giftige Brandgase wie Kohlenmonoxid. Der Gewinn liegt bei deutlich weniger Rauch und kaum korrosiven Säuren – also besserer Sicht auf Fluchtwegen und geringeren Folgeschäden.
Normengrundlage: DIN EN 60754-1/-2 (VDE 0482-754) – Halogensäuregehalt und Azidität der Brandgase; DIN EN 61034-2 (VDE 0482-1034-2) – Rauchdichte; DIN EN 60332-1-2 und 60332-3 – Flammwidrigkeit Einzelkabel/Bündel; EN 50575 (BauPVO/CPR) – Euroklassen; Muster-Leitungsanlagen-Richtlinie (MLAR) und DIN 4102-12 – Rettungswege und Funktionserhalt. Stand August 2026. Dieser Ratgeber ersetzt keine brandschutztechnische Planung; maßgeblich sind Projektvorgaben und die Datenblätter der eingesetzten Produkte.